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Karlchen kam im Mai 2004 als winziges braunes Fellknäuel von etwa 5 Wochen zu uns. Der Hund einer Spaziergängerin hatte ihn im Wald „gefunden“ und die Dame nahm ihn mit nach Hause. Sie hatte zuvor auch noch einige Zeit abgewartet, ob die Mutter des Kleinen auftaucht, aber sie ließ sich nicht blicken. Hätte die Frau gewusst, dass sie vermutlich die ganze Zeit von einer höchst angespannten Maderin (Fähe) beobachtet wird, die nur darauf wartet, dass sich „der Feind“ endlich verzieht, hätte sie ihn sicher bei seiner Familie im Wald gelassen.
Mardermütter sind sehr fürsorglich und vorsichtig. Sie kennen mehrere Verstecke und wenn sie sich mit ihrem Nachwuchs gestört fühlen, ziehen sie eben um. Solche Ortswechsel finden meistens in der Nacht statt, aber wenn Gefahr droht, kann es auch schon mal in der Dämmerung oder sogar am hellichten Tag vorkommen.
Karlchens Mutter hat ihn sicher nicht freiwillig im Stich gelassen, aber sie konnte nicht für das eine Kind riskieren, dass seine Geschwister verhungern, wenn ihr etwas passiert. Immerhin sind Menschen und Hunde (neben dem Straßenverkehr) die Hauptfeinde von Mardern. So bekam Karlchen also eine menschliche Ersatzmama und wurde zum Flaschenkind.
In diesem Alter sind Marderbabys noch völlig hilflos und ständig auf ihre Mutter angewiesen. Sie können weder laufen, noch den Kopf heben und verbringen den ganzen Tag nur mit saugen, schlafen und wachsen. Wenn sie sich alleine fühlen oder Angst haben, schreien sie herzzerreißend nach ihrer Mutter, die dann sofort zur Stelle ist. Erst mit etwa 10 Wochen beginnen sie vorsichtig , die nähere Umgebung des Nestes zu erkunden.
Karlchen hat ein sehr unkompliziertes Wesen und rollte sich erst mal auf meinem Schoß ein um zu schlafen, als er wach wurde saugte er gleich gierig an der Flasche mit Aufzuchtmilch für Hundewelpen, als hätte er nie etwas anderes getan. Da Marder so gut wie nie ohne Geschwister aufwachsen und unser Kleiner ja nun ganz alleine war, musste ich nicht nur die Mutter, sondern auch die Spielgefährten ersetzen, so gut es ging.
Uns war klar, dass Karlchen später ausgewildert werden sollte und deshalb suchten wir schon sehr früh nach einem geeigneten Ort. Man kann ein handaufgezogenes Tier nämlich nicht – wie viele Leute glauben – einfach in der Natur „aussetzen“. Tiere erkunden ihre Umgebung immer von einem Ausgangspunkt aus, an dem sie sich sicher fühlen und bei Gefahr verstecken können. Man braucht also eine Art „Auswilderungsgehege“, an das man das Tier erst gewöhnt. Man kann Marder auch von zu Hause auswildern, indem man sie einfach hält wie eine freilaufende Katze. Allerdings muss die Umgebung dafür geeignet sein und das ist sie bei uns leider nicht, da das Tierheim direkt an einer Straße liegt.
Aber so weit war es ja noch lange nicht. Karlchen wurde immer lebhafter und bereits im Alter von ca. 12 Wochen war es nicht mehr möglich, ihn in der Wohnung zu halten. Also zog Karlchen nach draußen in ein geräumiges Gehege um- und ich zog mit. Junge Steinmarder sind nicht gern alleine und außerdem musste er sich erst an die neue Umgebung gewöhnen und mit seiner „Menschenmama“ an seiner Seite war er viel mutiger. Jetzt reichte ihm auch seine Milch nicht mehr und der Speiseplan wurde erweitert. Da Marder Allesfresser sind, ist das einzige, was bei der Haltung dieser Tiere keine Probleme bereitet die Nahrungsbeschaffung. Wir achteten aber darauf, dass unser Karlchen möglichst Nahrung bekam, die er auch in freier Natur finden würde. Als er größer wurde, fing ich an ihm zuerst tote- und dann lebendige Mäuse anzubieten. Ja, auch solche eher unangenehmen Dinge muss eine verantwortungsvolle „Wildtiermutter“ tun, denn wie sonst soll sie „ihr Kind“ auf sein späteres Leben vorbereiten. Ein Marder, der nicht jagen kann, hat in Freiheit keinerlei Überlebenschance. Auch Wildvögel- die leider häufig mit so schweren Verletzungen bei uns eingeliefert werden, dass sie euthanasiert werden müssten – standen ab jetzt auf Karlchens Speiseplan.
Er bekam ein kleines Wasserbecken zum spielen und ich kam auf die Idee, kleine Fische dort einzusetzen. Ich weiß nicht, wie viele Steinmarder sich aufs Fischen verstehen, aber Karlchen kann es. Auch wenn Karlchen leider ohne Artgenossen aufwachsen musste, hatte er doch durch unsere Katzen, zu denen er immer Kontakt hatte, die Gelegenheit zu lernen, dass er nicht alleine in der Welt der Menschen war. Steinmarder und Katzen treffen auch in Freiheit oft aufeinander und leben meist in friedlicher Koexistenz. Für kurze Zeit war auch ein Mäusebussard und zwei junge Elstern im Nachbargehege untergebracht, die er beobachten konnte. Bei der Einrichtung des Geheges forderte der kleine Draufgänger unsere ganze Phantasie. Marder brauchen ständig Beschäftigungs-Möglichkeiten und -Anreize, um ihre Neugier und Intelligenz zu fördern und Bewegungsabläufe zu trainieren. Man darf aber nicht zu viel auf einmal im Gehege verändern, sonst fühlt sich der Marder nicht mehr geborgen und bekommt Angst. Als Karlchen noch klein war, schrie er oft nach mir, wenn er sich vor etwas erschreckte, beruhigte sich aber sofort, wenn ich da war. Die Aufzucht solcher Tiere verlangt nicht nur jede Menge Wissen, sondern genauso viel Herz und Einfühlungsvermögen. Auch meine Schmerztoleranz stellte der kleine Kobold mit seinem Raubtiergebiss mittlerweile ziemlich auf die Probe- Marder spielen recht grob und benutzen „Ihren Menschen“ gerne als Kletterbaum, wobei die spitzen Krallen zum Einsatz kommen. Im Sommer war Karlchen dann soweit:
Ich gewöhnte ihn an eine Transportbox und wir fuhren in den Wald. Zuerst traute er sich nicht, von mir herunterzuklettern, aber die neue Umgebung war zu interessant und schnell siegte die Neugier.
Hörte er neue, unbekannte Geräusche, flitzte er sofort wieder auf meine sichere Schulter. Wir waren ein richtig gutes Team und machten lange Spaziergänge mit vielen kleinen Abenteuern und der Marder wich nicht von meiner Seite.
Leider verlief unsere intensive Suche nach einem geeigneten Auswilderungsplatz bis dahin weitgehend ergebnislos. Die Angebote, die wir bekamen waren allesamt nicht akzeptabel und wir lehnten sie wegen zu geringen Platzangebots oder fehlender Sachkenntnis ab. Wir hofften, das richtige schon noch zu finden, es war ja auch noch etwas Zeit.
Dann rief mich eine Bekannte aus München an, die gehört hatte, dass bei uns zur Zeit ein zahmer Steinmarder wohnt. Sie arbeitete beim Bayerischen Fernsehen und drehte gerade eine Dokumentation über Steinmarder. Nur fehlte ihr leider noch der Hauptdarsteller.....
Karlchen und ich fuhren also nach Bayern und wohnten dort in einem alten Bauernhaus, auf dessen Dachboden dann Abends gedreht wurde. Ich hatte natürlich keine Ahnung, wie der Marder auf die Dreharbeiten reagieren würde, aber da er vor kaum etwas Angst hatte, wenn ich dabei war, machte ich mir keine großen Sorgen. Brauchte ich auch nicht: Das Filmteam war wirklich verständnisvoll und sehr geduldig mit uns und Karlchen hatte sich im Nu an die neue Situation gewöhnt. Er war neugierig wie immer und wenn er erschrak, flüchtete er sich eben zu mir, um dann aber gleich weiter die Gegend unsicher zu machen. Hätte ich den Eindruck gehabt, dass er sich nicht wohlfühlt, hätte ich die Aktion sofort abgebrochen, aber Karlchen hatte sichtlich Spaß daran.
Mittlerweile war der Sommer zu Ende und es wurde langsam allerhöchste Zeit für die Auswilderung – aber immer noch war kein Platz in Sicht und wir hatten uns schon fast damit abgefunden, dass Karlchen noch bis zu Frühjahr bleiben muss.
Unsere Beziehung zueinander war zwar immer noch sehr vertrauensvoll, aber sein Freiheitsdrang wuchs in den Herbst hinein merklich, er machte immer wieder Ausbruchsversuche aus seinem Gehege und begann, sein Territorium gegen die Katzen zu verteidigen. Erst Ende des Jahres tat sich endlich eine Chance für Karlchen auf, doch noch seine ersehnte Freiheit zu bekommen. Auf dem Argenhof, einem Gnadenhof für Tiere im Allgäu sollte Karlchens neuer Lebensabschnitt beginnen. Christiane Rohn, die Betreiberin des Hofes hat viel Erfahrung im Umgang mit Tieren und erklärte sich sofort bereit Karlchen aufzunehmen und von dem idyllisch gelegenen Hof aus in die Freiheit zu entlassen. Sie betonte, dass es Karlchens Entscheidung wäre, ob er in den Wald ziehen oder auf dem Anwesen bleiben wolle.
Als ich Karlchen mit einem lachenden und einem weinenden Auge kurz vor Weihnachten dorthin brachte, wurde er bereits freudig erwartet. Wie ich es mir bereits dachte, blieb Karlchen und lebt noch immer auf dem Hof. So hat er nun beides: ein Zuhause unter Menschen und anderen Tieren und seine Freiheit !
Da ich immer noch etwas dazulerne, sprach ich mit vielen Fachleuten, die mich alle auf die Probleme, die auf uns zukommen würden hinwiesen.
Einige waren der Meinung, dass ein Tier, das ohne Wurfgeschwister aufwächst keine Chance hat Sozialverhalten und Jagdtechniken zu üben und später in der Mardergesellschaft nicht zurechtkommen würde und rieten dazu das Tier einschläfern zu lassen. Wieder andere meinten, es gäbe wohl schon genügend Steinmarder in den Vororten und die wären sowieso nicht allzu beliebt. Es würde also keinen „Sinn“ machen, wegen einem Tier, das anderswo bekämpft und vergrämt wird einen solchen Aufwand zu betreiben.
Mit diesen Ansichten kann ich mich absolut nicht anfreunden. Sind es nicht wir Menschen, die den Tieren ihren Lebensraum und ihre Nahrungsressourcen streitig machen und haben wir deshalb nicht automatisch die Verantwortung für diese Tiere übernommen ?
Wieso „rentiert“ sich die Handaufzucht bei einem Siebenschläfer oder Zaunkönig, aber nicht bei einem Marder oder einer Krähe?
Ich denke nicht, dass wir berechtigt sind, Tiere nach ihrer „Wertigkeit“ zu beurteilen.
Ich bin dankbar und fühle mich bereichert durch meine Freundschaft mit Karlchen und möchte die Zeit nicht missen, auch wenn es zum Teil sehr aufwendig war, seinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Karlchen hat mir viel beigebracht und geholfen, Wildtiere besser zu verstehen und beim nächsten Wildtier werde ich es wieder genauso machen und es wird mir wieder andere Dinge näher bringen......
Das Aufziehen von Wildtieren in menschlicher Obhut bringt mehr Probleme mit sich, als die meisten Menschen vermuten. Wie bei allen Babys muss man natürlich sehr viel Zeit und Geduld investieren, aber im Gegensatz zu Hunden und Katzen muss man sich überlegen, wie die Zukunft eines solchen Wildtieres aussehen könnte. Völlig abwegig ist natürlich die Vorstellung es wie ein Haustier zu halten, denn Wildtiere kann man nicht erziehen, sie werden nicht „sauber“ ( im Gegenteil, vor allem Raubtiere wie Füchse und eben Marder sind darauf bedacht, dass auch möglichst die gesamte Umgebung nach ihnen riecht! ) und sie machen alles kaputt, was nicht angenagelt ist. Auch die dauerhafte Haltung in einem Gehege oder sogar Käfig sollte man solchen Tieren nicht zumuten. Sie entwickeln schwere Verhaltensstörungen wie z.B. ständiges im Kreis laufen, sich hin- und herwiegen oder sie fangen an, an sich zu nagen- bis hin zur Selbstverstümmelung. Aus diesem Grunde lehnen übrigens die meisten Zoos die Haltung von Steinmardern ab.
Alle diese Symptome werden durch schlimmste seelische Schmerzen verursacht und das passt wohl nicht zu dem Grundgedanken, eigentlich einem in Not geratenen Tier helfen zu wollen, oder ?!
Generell gehören Wildtiere nicht in die Hände von Laien, denn man braucht hierfür nicht nur theoretisches Bücherwissen, sondern vor allem auch Erfahrung. Kein Tier – auch nicht, wenn sie derselben Art angehören- ist wie das andere. Auch Wildtiere haben unterschiedliche Charaktere und darauf muss der Pfleger eingehen. Ein Wildtier zu behalten (und sei es nur für einige Tage oder Stunden), und ist es auch noch so niedlich und interessant- ist egoistisch und ignorant, denn mit jeder Minute in der es nicht artgerecht betreut wird, verringern sich seine Zukunftschancen! Bitte beobachten Sie sehr genau, ob ein vermeintlich in Not geratenes Tier wirklich Hilfe braucht. Entfernen Sie sich kurz vom Fundort, um der Mutter Gelegenheit zu geben zurückzukommen. Ist es wirklich nötig, das Tier mitzunehmen, halten Sie es warm ( Körperwärme !).
Geben Sie lieber keine Nahrung als die falsche ( Fehlernährung kann ein so kleines Tier schneller umbringen als Sie denken) und geben Sie es so bald wie möglich an kompetente Fachleute ab.
Wie Sie solche Leute finden, wird ihnen sicherlich Ihr zuständiger Tierschutzverein bzw. der NABU (Naturschutzbund) in Ihrer Umgebung sagen können.
Wer sich für das Thema Steinmarder interessiert, dem möchte ich das Buch „Von Mardern und Menschen – Das Buch der Steinmarder“ von Beate Ludwig / Edition Rasch & Röhrig empfehlen.
Text/ Fotos: Manu Eiban
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